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Per Kickstart in den Wilden Westen

Christophe Blain beweist mit »Gus«, dass er zum Kreis der grande dessinateurs zählt

Text: Robert Wenrich Illustration: Christophe Blain

Selten beginnen Serien so smooth wie »Nathalie«, die Eröffnung von Christophe Blains neuer Westerncomicserie »Gus«. Darin erzählt er in einer Handvoll lockerer Episoden aus dem Leben eines Desperado-Trios. Allerdings ist, wenn die genretypischen Bilder der Gunfights und Überfälle auch stilvoll inszeniert sind, das Raub- und Mordhandwerk nicht mehr als Intermezzo und Existenzsicherung; der narrative Fokus liegt auf dem Zwischenmenschlichen, genauer: auf den amourösen Verwicklungen der Drei. Kern des Buches ist die Figur des Gus, der, was immer und wo immer er tut und wirkt, ganz und gar phallisch ist. Dazu gehören seine zackige, übereifrige Gestik ebenso wie die Gestalt – hager mit Penisnase – oder sein Verhalten. Denn Gus ist ein einziges Weiterkommen und Weiterwollen – in jeder Bar, mit jeder Frau unzufrieden, ganz auf den Flirt genordet, auf die nächste Gelegenheit zum nächtlichen Techtelmechtel, und nur geringfügig stehen ihm darin seine Kumpane Gratt und Clem nach.

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Une comédie humaine
Zwar ist »Gus« eine Westernhommage, doch liest man es eher, wie auch Blaines bekannteste Serie »Isaac le pirate«, als Großstädterfabel, die Szenen als Woody-Allen’sche Apokryphen. Das umso mehr, weil die Figuren der Tendenz zur Fratze zum Trotz fleischig sind; Blain lässt ihnen Raum, sich als runde Charaktere mitzuteilen. Ganz beiläufig entdeckt er inmitten der urkomischen Weibsjagden ihre tieferen Motive und Mechanismen, durch welche das eigentlich Komische an ihnen überhaupt wirken kann. Insgesamt arbeitet Blain nach dem Konzept der Verdichtung, die Zeichnungen weisen wie bei vielen seiner französischen Zeitgenossen starke Tendenzen zum Naiven auf – nur oberflächlich ein Gegensatz. Aber noch stärker als bei diesen Kollegen wird bei Blain der Bildraum um den Menschen gebogen; kaum gibt es Panels, die nicht ausgewiesen expressionistisch sind, kaum unverstellte Figuren. Im Unterschied zum Gros amerikanischer Comics, in denen meist auf die Über-Sicht, die perfekte Kamera hingearbeitet wird, beglücken uns französische Comics mit psychischen Perspektiven. Blain ist in diesem Fach einiges zuzutrauen. Sein »Gus«, und wenn er auch einbändig bleiben sollte, ist gelungener Auftakt zu einer rasanten, reifen Komödie, deren Einzelqualitäten – die bestechenden Dialoge oder die ökonomische Narration – sicher eine mehrmalige Lektüre begünstigen.

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Erwähnung finden sollten zudem zum Einen noch die Farben Walters, die vor allem in den intimen Szenen als wichtige Hefe das Aufgehen der Blain’schen Zeichnungen sichern; zum Anderen die Übersetzung von Kai Wilksen, der das so saloppe und saftige Französisch in ein ebenso direktes Deutsch übertragen konnte, ohne sich in schriftsprachliche Schwulitäten zu manövrieren, welche Comicübersetzungen hierzulande schon so oft zum Verhängnis wurden.

:: »Gus 1: Nathalie« von Christophe Blain, Reprodukt, Berlin 2007, 80 S., € 15,00
:: Interview mit Christophe Blain
:: Reprodukt



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