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Wie dekliniert man wohl Verfall?
Brigitte Kronauer hat nichts als Berge im Sinn
Text: Robert Wenrich Foto: Marijan Murat, Stuttgart
Wenn einer auszieht, um verloren zu gehen, handelt es sich aller Voraussicht nach um ein schönes Buch. Wenn sich dazu derjenige dessen anfangs noch nicht bewusst ist, wird es meist ein umso schöneres sein.
In »Errötende Mörder« ist es Jobst Böhme, ein Kartonwesen, eine dünnwändige Midlife-Leere, der aus der norddeutschen Gleichgültigkeit ins Gebirge geschickt wird. Sein Auftrag dort: Während eines verlängerten Wochenendes drei Manuskripte eines dankbaren Schriftstellers zu sichten. Ein fragwürdiges Geschenk, wie sich herausstellt, denn selbstverständlich ist das alles nicht das, wonach es ausschaut.
Ein ironisches Trimerone
Zunächst einmal ist das als »Roman« ausgewiesene Buch eher eine klassische Novellensammlung, denn Böhmes Abenteuer nehmen nur etwa ein Viertel der Textmasse ein, der Großteil gehört jedoch den drei eingelassenen Manuskripten. Böhmes harmlose Wochenendbeschäftigungen entpuppen sich als vergebliche Bewältigungskonzepte, als drei schräge Stimmen wider die Vergänglichkeit. Die Texte sind allesamt hochkünstlich, angefüllt mit Spiegelungen und Querverweisen. Sei es durch die archivarische Wut und der dazugehörigen Paranoia in »Der böse Wolfsen oder Das Ende der Demokratie« oder den störrischen Jugendwahn eines Bikers auf dem Weg zur neuen Honda, eingepfercht in einen Bus voller Senioren mit unterschiedlichen Haltbarkeitsprognosen – Kronauers allegorisches Schreiben leuchtet aus den Novellen den Innenraum Böhmes aus, bis mit der dritten Geschichte »Der Mann mit den Mundwinkeln« das Vexierspiel seinen Höhepunkt erreicht: In den wilden Bemühungen einer Reiseführerin, anhand weniger Reliefs auf Elba einer Touristengruppe ein großes, sich selbst aber ihr eigenes Schicksal zu erklären, kommen alle Motive des Buches zusammen, und es stellt sich heraus, dass es nicht die Schweizer Berge sind, die zu besteigen wären, sondern die inneren. Böhme steht anstatt des erhofften, heilsamen Abstandes zu seinem Leben der endgültige Abschied bevor und die Erkenntnis ins Haus, dass die Erinnerung nur dünner Stoff ist, den wir um unsre Herzen tragen.
»Errötende Mörder« ist ein sehr intimes Buch, obwohl Kronauer an betont komischen Stellen, den Dialogen zwischen den Alten beispielsweise, starrhüftig agiert. Auch bleiben einige Tiraden kraftlos und feuilletonistisch. Trotz der Künstlichkeit und der surrealen Patina, die den meisten Dingen im Buch anhaftet, beherrscht den Text dennoch eine packende Lebensnähe. Gewidmet ist er den Eltern der Autorin.
:: »Errötende Mörder«, Roman von Brigitte Kronauer, Klett-Cotta, Stuttgart 2007, 334 S., € 21,50
:: Klett-Cotta
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