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Zuviel Realismus hält der Mensch nicht aus

Hideo Azumas autobiographischer Manga »Der Ausreißer«

Text: Zuzanna Jakubowski Illustration: Hideo Azuma

Ein Mangaka nimmt Reißaus. Einst japanischer Kultautor der 1970er und 80er Jahre, verlässt Hideo Azuma – vom künstlerischen Druck überfordert – zum ersten Mal 1989 seine Familie, um als Obdachloser sein Dasein auf der Straße zu fristen. Schnell gewöhnt er sich an die Routine aus Müllsammeln und Sake beschaffen und genießt seine Freiheit trotz naturbedingter Unannehmlichkeiten. Zwar wird er nach längerer Zeit von der Polizei wieder aufgegriffen und nach Hause gebracht – seine Frau hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben –, doch ergreift er 1992 erneut die Flucht. Diesmal hält es ihn nicht lange auf Parkbänken und unter Brücken: Durch Zufall gerät er an eine Baufirma, wird angeheuert und lebt von da an inkognito als einfacher Arbeiter. Er mietet eine Wohnung an und schließt sogar erfolgreich eine Fortbildung zum Gasinstallateur ab. Selbst als er spielerisch ein paar Cartoonstrips für die Betriebszeitung zeichnet und dafür den firmeninternen Künstlerpreis gewinnt, bringt ihn niemand mit dem Kultmangaka Azuma in Verbindung.

Trauriger Slapstick
Dem Verlag Schreiber & Leser verdanken wir eine stetig wachsende Anzahl von wunderbareren Autorenmangas (hervorzuheben wären z.B. »Blue« von Kiriko Nananan und »Die Stadt und das Mädchen« von Jiro Taniguchi), und Hideo Azumas autobiographischer Manga über die Erlebnisse eines überforderten Autors passt da perfekt in das sorgfältig ausgewählte Profil der Shodoku-Reihe. »Der Ausreißer« ist eine traurige Geschichte, erzählt in selbstironischem Ton und knuddeligen Bildern, in der der Autor seinen Aufstieg und Fall als Mangakünstler, sein Zerbrechen am Erfolgsdruck, die Entfremdung von seiner Familie, seinen Ausstieg aus der Gesellschaft, Selbstmordversuche und schließlich auch seine qualvolle Alkoholsucht verarbeitet. Als er das zweite Mal zurückkehrt, erkennen ihn nicht einmal seine Kinder wieder, und 1998 wird er dann gegen seinen Willen in eine geschlossene Anstalt gesperrt. Und dennoch tritt aus den Panels nie auch nur ein Quäntchen direkter Rebellion oder auch nur Selbstmitleid hervor. »Dieser Manga«, warnt er auf der ersten Seite, »nimmt eine positive Weltsicht ein und ist vom Stil her nicht realistisch, denn zuviel Realismus hält der Mensch nicht aus.« Aber wie auch Charlie Chaplins tieftrauriger Slapstick bringt Azuma durch die niedlichste Zeichnung, die humorvollste Anekdote den tiefsten Abgrund zum Vorschein.

:: »Der Ausreißer« von Hideo Azuma, Shodoku/Schreiber & Leser, München 2007, 192 S., € 14,95
:: Schreiber & Leser



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