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20 Jahre tot: Jörg Fauser
Text: Matthias Penzel Foto: Archiv Fauser
Jörg Fauser, 1944 in der Provinz vor Frankfurt/M. geboren, 1987 auf der A94 vor den Toren Münchens tödlich verunglückt. Erste Theaterstücke skizziert er – in Wort und Bild – und schenkt sie als 8jähriger seiner Mutter zum Geburtstag. Mit 22 brütet er in London, Istanbul und während dem Zivildienst in Heidelberg an einem Jazzroman … liest Flaubert, Céline, Faulkner, »Don Quichote« (Brecht, Shakespeare und Dostojewski hat er bereits durch) … und ist zwei Jahre später davon überzeugt: »Was als nächstes mit meinem Namen darunter gedruckt wird, ist ein Roman oder die Todesanzeige, aber keine Lyrik.«
19 Jahre später, Stunden nach seinem 43.Geburtstag, ist Fauser tot. Heute, zwanzig Jahre später, ist er unvergessen. Genau das wunderte oder störte Willi Winkler vor zwei Jahren. Anlässlich Fausers 60.Geburtstag im Jahr 2004 intonierte Winkler eine von zwei Stimmen, die ihn da nicht feiern wollten. Britta-Kopf Christiane Rösinger war raffiniert oder perfide oder dummdreist genug, im Tagesspiegel weniger über Fausers Werk oder Leben oder Haltung zu spotten, als vielmehr über seine Leser. Winkler ging in der SZ aufs Ganze: »Der Schriftsteller Jörg Fauser wäre heute 60 Jahre alt und vergessen – wenn er noch lebte. Stattdessen avanciert er nun zum Helden des jungen Feuilletons«. Die These hat was, ohne Frage, vielleicht ist ihr ja sogar etwas abzugewinnen. Kann sein, dass einer, der wie Fauser Rebellen schätzte, nicht in Würde gealtert wäre. Kann sein, dass viele seiner Arbeiten in Vergessenheit geraten wären; vielleicht manches, was er für Film und Fernsehen schrieb, oder die Hörspiele, vielleicht die für Achim Reichel und Veronika Fischer verfassten Songtexte; oder die Krimis; oder die Kolumnen für den tip und TransAtlantik. Kann sein, dass die zum Vergessen waren, wobei es natürlich schon überrascht, wenn man sieht, wie Fauser 1985 einen in Niedersachsen als Ministerpräsident kandidierenden SPD-Mann porträtiert. Ausgerechnet das Nackidei-Magazin lui druckte Fausers Prognose vom »nächsten Brandt-Enkel auf dem Weg zur Macht«. 13 Jahre später wurde der Politiker, mit dem die SPD laut Fauser Chancen habe, Bundeskanzler.
Aber, wie gesagt: Kann sein, dass er Recht hat, der Willi (Winkler, 50, Verfasser von Büchern über »Mick Jagger und die Rolling Stones«, Kino, Karl Philipp Moritz, Bob Dylan und anderes, das zuvor schon von anderen mehr/minder ähnlich beackert wurde, demnächst »Die Geschichte der RAF«). Kann auch sein, dass man sich an James Dean nicht erinnern würde, hätte er ein paar Filme mehr gedreht, an Hendrix, wäre nicht auch er so abgetreten wie schon Tutanchamun, der Erfinder des Stirb-solange-du-einen-hübschen-Korpus hinterlassen kannst. Genauso gut kann es sein, dass es Fauser gelungen wäre, als Rebell zu altern, mit Würde und Widersprüchen – wie Marlon Brando (über den er »Der versilberte Rebell« schrieb). Kann sein, schon möglich.
Nicht nur eine Möglichkeit, sondern allem Anschein nach eine Tatsache ist es, dass Winklers dann doch vage wabernde Thesen kaum wahrgenommen und dann schnell vergessen wurden; obwohl in einer auflagenstarken Zeitung prominent platziert. Fauser: publizierte, anders als Brinkmann, Fichte und Wondratschek lange in Undergroundverlagen, auch noch als arrivierter Autor in Biby Wintjes’ Autoren-Fanzines Ulcus Molle; honorarfrei.

Klar: Ich, als Fauser-Biograph kenne nicht die Wahrheit, weiß nicht, warum welches Werk und welches Leben in Erinnerung bleibt; weiß eigentlich nur, dass es Gerechtigkeit nicht gibt. Höchstens Glück und Zufälle. Und ich weiß noch etwas: Nachdem ich für die Fauser-Biografie »Rebell im Cola-Hinterland« mit meinem Co-Autor Ambros Waibel über hundert Leute nach ihrem Freund oder Kollegen oder Angestellten Jörg Fauser befragt habe, darunter auch Joschka Fischer, Wolf Wondratschek, CEOs der Verlagsbranche, Informanten von Geheimdiensten, Redenschreiber für den Bundeskanzler usw., nachdem ich Fausers Elegien, diese mit Herz und Faust verfassten Artikel über vergessene Schriftsteller gelesen habe, dieses ganze wilde Oeuvre eines Suchenden, der vor allem immer wieder eine Haltung einnahm und vertrat, die Poeten wie Autoren wie Leser bekräftigt hat (Helmut Krausser wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Feridun Zaimoglu wie C.D. Brumme, Achim Reichel und und und…), weiß ich, dass man bei einer Kritik Fausers mehr braucht als den von Winkler gebrauchten Hinweis, Fauser sei beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt 1984 »einfach nur furchtbar schlecht« gewesen. Denn genau da hatten wir ja, was Fausers Lebensweg prägt: mit dem richtigen Text (Mann und Frau wollen zueinander, können aber nicht) des Schriftstellers vor den Literaturbetrieblern, aber am falschen Ort zur falschen Zeit (die Lust am »Neuen Deutschen Erzählen« wurde erst zehn Jahre später wiederentdeckt).
»Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anheuern«, schrieb Fauser 1981 über den in der BRD seinerzeit ziemlich beerdigten Hans Fallada. Den Satz zitieren Poeten wie Björn Kuhligk, Tom Schulz, der Satz begegnet einem bei MySpace, unlängst in dem Fauser-Dossier in Der Standard
:: Das Werk Joerg Fausers erscheint im Alexander Verlag Berlin
:: Joerg Fauser im Alexander Verlag
:: Der Autor Matthias Penzel schrieb zusammen mit Ambros Waibel die Fauser-Biografie »Rebell im Cola-Hinterland« die unlängst bei Edition TIAMAT erschienen ist
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Luisa Calzado / 14.07.2007 / 16:43
Schöner Artikel, obgleich seltsamer Bruch, dass sich der Autor so spät selbst noch in den Text einbringt.
Willi Winkler jedenfalls hatte einfach keine Ahnung von Fauser, genauso wenig wie er eine Ahnung von Bob Dylan hat. Die Frage ist: Wieso nur schreibt er so gern über Dinge, die er nicht versteht?