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Artikel

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Blick zurück in Nostalgie und Zorn

Zum finsteren neuen Film des Finnen Aki Kaurismäki – und einer hervorragenden Buchveröffentlichung zu dessen Gesamtwerk

Text: Jochen Werner Foto: Pandora Filmverleih

Der Nachtwächter Koistinen (Janne Hyytiäinen) ist einsam, so wie alle Helden in den Filmen des Finnen Aki Kaurismäki einsam sind. Von seinen Vorgesetzten wird er auch nach drei Jahren noch immer täglich nach seinem Namen gefragt, von seinen Kollegen niemals zum feierabendlichen Besäufnis eingeladen. Nur die Imbissbedienung Aila (Maria Heiskanen) scheint ihm so etwas wie Zuneigung entgegenzubringen, die Koistinen jedoch kaltschnäuzig von sich weist. Denn Koistinen ist doch anders als andere Kaurismäki-Figuren: Wo diese, verkörpert zumeist minimalistisch-eindrucksvoll vom 1995 verstorbenen Matti Pellonpää, oder später vom »Mann ohne Vergangenheit« Markku Peltola, eher freundlich-schweigsame Melancholiker waren, da ist Koistinen ein verbitterter Zyniker. Und während die Filme »Wolken ziehen vorüber« (1996) und »Der Mann ohne Vergangenheit« (2002), die Kaurismäki mit »Lichter der Vorstadt« nun zur Trilogie zusammenschließt und vollendet, noch warm und humorvoll vom märchenhaften Neubeginnen erzählten, ist Koistinens Geschichte von scharfen Kontrasten und finsterem Nihilismus geprägt.

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Whatever happened to Ilona
Zwar findet sich jene pastellfarbene Nostalgic-chic-Ästhetik, die »Wolken ziehen vorüber« und »Der Mann ohne Vergangenheit« noch stärker durchzog als Kaurismäkis frühere Werke, auch in »Lichter der Vorstadt« wieder, doch durchzieht sie hier nicht den gesamten Film, sondern markiert lediglich die kleine Welt seines Protagonisten, der somit bereits als Fremdkörper in der kühl-modernen Großstadt erkennbar wird. Auch die üblichen, tieftraurigen finnischen Tangos erklingen erneut, doch werden sie hier kontrastiert durch die lärmige Rockmusik der Band Melrose, für deren hier wieder erklingenden Song »Rich Little Bitch« Kaurismäki einst, vor zwei Dekaden, ein Musikvideo inszenierte. Überhaupt steckt »Lichter der Vorstadt« voller Selbstzitate, am offensten, wenn Koistinen an einer Supermarktkasse von Kaurismäki-Stammdarstellerin Kati Outinen bedient wird, die laut Namensschild ihre Rolle als »Ilona« aus »Schatten im Paradies« (1986) sowie »Wolken ziehen vorüber« wieder auf- und somit die glücklichen Wendungen, die diese Figuren erfahren durften, zurücknimmt. Und auch wenn Koistinen, von einer berechnenden femme fatale verführt und betrogen, nach einem zweijährigen Gefängnisaufenthalt (wie die Helden der vorherigen Filme begleitet von einem Hund) schließlich doch noch in ein kleines Happy End hineingeführt wird, so erscheint dieses doch so unvermittelt und geradezu grotesk beschleunigt, dass es mehr wie eine sarkastische Spitze auf seine eigene Irrealität hinzuweisen scheint. (Darin erinnert »Lichter der Vorstadt« viel eher denn an den »Mann ohne Vergangenheit« an »Dogs Have No Hell«, Kaurismäkis Beitrag zum Anthologiefilm »Ten Minutes Older: The Trumpet« (2002), in dem der Filmemacher bereits eine kleine Dekonstruktion der positiven Grundstimmung seines Meisterwerkes vornahm.)

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Die Flucht aus der Schublade – Episode III
Mit »Lichter der Vorstadt« setzt Aki Kaurismäki einen offenen Kontrapunkt zur Wärme seiner jüngsten Filme und führt somit bewusst einen Bruch herbei, wie es ihn in seinem Werk schon häufiger gab. So ließ er auf sein Debüt mit der sehr freien Dostojewskij-Adaption »Crime and Punishment« (1983) den absurden »Calamari Union« folgen, so kontrastierte er seine gefeierte proletarische Trilogie (1986-1989) durch die skurrilen Komödien um die Leningrad Cowboys und stieß somit jene Filmkritiker, die glaubten, die passende Schublade für Kaurismäki gefunden zu haben, zielsicher vor den Kopf. Und obgleich er es mit »Lichter der Vorstadt« seinen Zuschauern sicher nicht leicht macht, so erscheinen die zahlreichen Prügel, die er für dieses neue Werk einstecken musste ob des durchaus mutigen künstlerischen Schrittes nach vorn, den der Filmemacher damit tut, unberechtigt.

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Aki Kaurismäki

Wenig Positives weiß auch Jan Schulz-Ojala im Band »Aki Kaurismäki« der Reihe »f i l m :« (Bertz + Fischer Verlag) zu »Lichter der Vorstadt« zu sagen. Das ist ein wenig schade, schließt dieser Text doch ein ansonsten äußerst empfehlenswertes Buch ab, das sich des Werkes des Finnen ausführlich (selbst zu Kurzfilmen und Musikvideos gibt es Einzelanalysen) und aus unterschiedlichen Perspektiven annimmt. Eingeleitet wird der Band durch Michael Essers Essay zum Motiv des Fernwehs in Kaurismäkis Filmen gleich mit dem vielleicht interessantesten Text, der werkübergreifend versucht, Verbindungslinien zwischen den einzelnen Filmen zu verdeutlichen. Dies ist gerade deshalb hoch zu schätzen, weil diese, vom zugänglichsten bis zum widerspenstigsten Moment, gar nicht einfach zu fassen sind. Weiterhin gibt es zwei sehr kurze Texte von Erika und Ulrich Gregor (zu den Auftritten im Berlinale-Forum) sowie von Kaurismäkis langjährigem Freund und Wegbegleiter Peter von Bagh, gerade letzteres eigentlich nicht mehr als ein Grußwort. Interessanter sind da schon ein Interview mit Kati Outinen, in dem sich die Darstellerin auch über die Arbeitsweise Kaurismäkis äußert, eine ausführliche Analyse von »Ariel« (1988) durch Harun Farocki sowie ein ausführliches, von Ralph Eue aus Zitaten von und über den Filmemacher kompiliertes »Kaurismäki-Lexikon«. Aufgrund der hochironischen Selbstdarstellung des Finnen macht dieses sicherlich den unterhaltsamsten Teil des Buches aus. Schließlich wird, wie üblich in der Reihe »f i l m :«, jedem Film eine kurze Einzelanalyse gewidmet. Insgesamt eine wichtige und schöne Veröffentlichung zu einem mit Sekundärliteratur noch nicht gerade reich bedachten Filmemacher, die vor allem eins bewirkt – Lust darauf, einen Kaurismäki-Film zu schauen. Man muss ja nicht gerade mit »Lichter der Vorstadt« anfangen…

:: Aki Kaurismäkis »Lichter der Vorstadt«ist ab 06.07.2007 bei Pandora Filmverleih / Al!ve als DVD erhältlich
:: Ralph Eue / Linda Söffker (Hg.): Aki Kaurismäki (f i l m : 13), Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2006, 221 S., €19,90



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