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One, two, three – hier kommt die Poesie!
Ann Cotten, US-österreichische Junglyrikerin mit Zukunft, rechnet vor
Text, Illustration: Robert Wenrich
Die Sonettform erregt seit Jahrhunderten dichtende Gemüter. Sie ist eine ausgewiesene Form, eine vieldiskutierte und traditionsschwere; ein bulliger Lyrikreaktor, der durch sein strukturelles Potenzial, den schlichten, antithetischen Bau, fasziniert: Auf seinem kleinen Raum stehen sich in den Quartetten und Terzetten die Unsagbarkeiten und Unversöhnlichkeiten gegenüber und entwickeln derart die so eigentümliche Kraft des Genres. So stellen die Gedichte nicht wie eigentlich übersetzt ›Klanggedichte‹ dar, sondern vielmehr ›Wendegedichte‹; Blaupausen fürs dialektische Heim. An den Stellen übrigens, da dies reflektiert worden ist, erreichten Form und Dichter Höchstleistungen und begründeten so die reiche Tradition des Sonetts in den europäischen Literaturen. Nebenbei ist es überaus erstaunlich, wie sehr das Sonett in Wirkung und Funktionsweise dem japanischen Haiku ähnelt, das eine vergleichbare Beliebtheit genießt.
Nachhilfestunde in lyrischer Statik
Die Form hat es auch Ann Cotten angetan. In ihrem Erstling »Fremdwörterbuchsonette« sind unter 39 emblematischen Fremd- und Schlagwörtern jeweils zwei passende Doppelsonette zusammengefasst. Beispielsweise finden sich unter »induktion« die Sonette Nr. 10 mit den Zeilen »Du hast nach etwas nicht nach dir gerochen, / Partikelchen erkannte mein Organ« sowie die Nr. 69 mit »Sein Kopf sucht höflich Dialog, / von seinem Schopf wird diese meine Schrift total verschmiert«. Von der Mittelachse mit den Nummern 39 und 40 strahlen die Pärchen begriffsweise aus, bis unter »loxodrom« mit den Sonetten Nr. 1 und Nr. 79 Anfang und Ende des Buches erreicht sind. So organisiert, imitiert das Buch eine Übersetzungssituation, werden die einzelnen Gedichte doch mit einer gewissen Vorläufigkeit ausgestattet und zur Antwort aufeinander genötigt. Nun mag man solcherlei kompositorischen Winken folgen und sich, zwischen den Vers- und Strophenformen, der Silbenanzahl oder der Verteilung der Hebungen umherspringend, im Bau mit seinen Fremdwörtern à 56 Versen oder seinen 78 Gedichten versteigen – ein lohnendes Unterfangen. Dazu die üblichen numerologischen Tendenzen von Lyrikern bedenkend, kommt man schnell ins Mit- und Weiterrechnen. Multipliziert man etwa die 56 mit der 78, ergibt das ein Produkt von 4368. 4 – 3 – 6 – 8? Die poetische Methode der Verdopplung und Spiegelung als architektonische Referenz in die blanke Verszahl eingeritzt? – Sollte uns das, wo alles Spiel ist, Zufall sein?
Vortrag mit statischer Lyrik
So well-elaborated die Komposition auch ist, dem betriebenen Aufwand um die Struktur steht leider der eigentliche Gehalt der Gedichte auffallend nach, denn anstatt den kühnen Plandaten ebenso Energisches folgen zu lassen, kommen doch die Gedichte nie über einen schleppenden Ton hinaus; sie bleiben kurzatmig. Von einer lyrischen Gelegenheit zur nächsten hüpft der Blick, ohne sich jemals in Leichtigkeit kleiden zu können; alles geht bei Ann Cotten mit einer Anstrengung einher: »Mag ich die Zähne blecken, als Spannerin, den Rädchen / der Anblicke mit Biss, sie lassen mich nicht los, / wenn fesselt mich ein Wort dazu noch an den Mann: / vom Maß los« (Nr. 37: »Sirenen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit«). Natürlich gibt es auch hellere Momente, etwa wenn es um den Alkohol geht: »die Moleküle waren meine ständigen Begleiter, / ihnen sah morgens ich zerschunden ins Gesicht« (Nr. 45: »Whiskey, im Gegenteil«), und wo man sich die Verse slammer-like vornuschelt, kann man auch einen vorhandenen lyrischen drive ausmachen, doch die störrische Kraft, mit der Cotten ihre Gedichte bis in die letzte Zeile zerrt, rücksichtslos gegen Wegmarken und Sehenswertes, überlagert dies leicht; es fehlt kurzum die Freiheit, ein weiteres Charakteristikum besserer Sonette. Denn in einer Welt, in der – auch nur ironisch – das »Räsonnieren knarzt« und »das Vergessen ihm sVisier putzt«, ist der Umstand der Gesetzgeber und ständig damit beschäftigt, den Leser zu eigenwilligen Deutungen des Deutschen zu drängen. Als Notiz: Das Feuilleton verstand manche Storchenbewegung Cottens als Virtuosität. Allzu betoniert erscheint dennoch die Textmasse, allzu selten ist eine Metapher gut gesetzt, allzu einfältig wird der Themenkreis abgesteckt. »Fremdwörterbuchsonette« ist leider ein Mängelexemplar, ein Stöberbuch. Man schlägt es auf und wieder zu. Als Jungautorin ist ihr noch Raum nach oben offen, könnte einer wohlmeinend anfügen. Jedoch wirkt Ann Cotten als Jungautorin weder elegant noch aufsässig – sie wirkt überhaupt nicht, die Gedichte wie Notate aus der Lücke zwischen Schule und abgebrochenem Studium, Peilsignale einer falschen Berufswahl.
:: »Fremdwörterbuchsonette. Gedichte« von Ann Cotten, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2007, 78 S., € 8,50
:: Interview mit der Autorin
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die autorin / 06.07.2007 / 18:30
Darf ich Sie mit einer kleinen Bemerkung zu Ihrem Werk behelligen? Es ist hochinteressant, aber Sie machen mir Sorgen. Sie haben einiges hier ganz gut geschnallt, oft beinahe richtig. Sie bräuchten bloß diese Gehässigkeit abschnallen, die übers Ziel hinaus zu Unsagbarkeiten und Unversöhnlichkeiten (wie Sonett und Haiku: Überlegen Sie sich das noch mal…) führt. Dann könnte Ihre Rezension wirklich (und das ist verdammt selten) dem Ideal der Gattung entsprechen, Fehler und zuwenig weit verfolgte Ansätze aufzuzeigen (nicht nur hilfreich für die Arbeit der Autorin, sondern es ist ja eine allgemeine Baustelle!), und nicht bloß in zickigen Mutmaßungen über anderer Leute Berufswahl enden. Nach ein paar Wochen schaut man sich so eine aggressive Rezension wieder an und sie kommt einem einfach nur infantil vor. Indessen möchte ich Sie ja zu einigem gratulieren (neben der Zeichnung, über die ich sehr lachen musste): Richtig, es gibt keine Freiheit. Richtig, die Metaphern sind schief. (Das hat Gründe. Denken Sie an den Pinselstrich in einem Gemälde. Mitunter schief, sogar schon im Rokoko. Warum wohl? Das wissen Sie doch: damit deutlich wird, was gespielt wird.) Richtig, es war harte Arbeit und das Resultat würde ich niemandem raten, sich übers Sofa zu hängen. Wenn Sie reichhaltige, sinnliche und leichte Kost wollen, mit gut gesetzten Kapern, dann gehen Sie in ein gepflegtes Restaurant. Aber bitte, stellen Sie sich in Bezug auf die Literatur nicht mehr blöd. Lassen Sie sich versichern, ich kenne keine AutorInnen, die schreiben, um irgendwen zu beeindrucken. Sie brauchen keine Angst zu haben, dass irgendjemand triumphiert, wenn Ihnen was gefällt (man freut sich, klar). Umgekehrt müssen Sie wohl lernen, mit einer gewissen Art von Enttäuschung zu leben. Wenn die Enttäuschung darin besteht, dass Sie feststellen, dass die Epitheta eines längst durchgeknallten Feuilletons reine Fiktion sind und Sie es bloß mit einer sterblichen Sonde zu tun haben, die unvollkommene Sonette produzierte im Versuch, eine unvollkommene Welt zu verstehen, können Sie sich doch freuen, dass es die Epitheta sind, die Sie, zu recht, nerven, denn Sie brauchen bloß zu unterlassen, das Feuilleton zu lesen, und weg sindse. Sie müssen ja nicht unbedingt im Kulturbetrieb tätig bleiben, wenn Sie das nicht aushalten, was ich gut verstehe. Ich glaube jedoch, Sie hätten als Bereicherung Potential. Sie scheinen ein unabhängiger Kopf zu sein, bloß etwas übereifrig, profilierungssüchtig, ein bisschen kleinlich. Das legt sich, und Detailversessenheit ist eine ausgezeichnete Eigenschaft. Das Buch, mein Gott, das können Sie Ihrer Tante schenken. Allerdings muss ich Sie warnen: die Sachen, die Sie am Buch nicht mögen, könnten Ihnen auch in der Welt da draußen begegnen. Inkonsequenz! Flüchtigkeit! Schiefe Metaphern! Mangelnde Eleganz! Zuwenig Aufsässigkeit: Da seien Sie vor. Haben Sie keine Angst, machen Sie ihren Kopf nach oben offen und trauen Sie Unbekannten Unbekanntes zu. So können Sie noch viel klüger werden.
Das verlinkte Interview, das an die Allgemeinheit, ist leider nicht besonders informativ, geradezu nichtssagend. Sorry!
ann cotten / 07.07.2007 / 01:05
ann, das ist ja das letzte, auf rezensionen zu reagieren. bist du vollkommen durchgeknallt?
die autorin / 07.07.2007 / 01:09
hey es geht hier nicht um mich schatz! keine zersetzenden revolutionsfeindlichen anmerkungen, ich bitte dich. wir haben hier eine angstlosigkeit zu verteidigen.
Axel Kutsch / 03.12.2008 / 03:02
Werte goon-Redaktion, allerwertester Herr Wenrich,
mit erheblicher Verspätung habe ich nun die Rezension über Ann Cottens “Fremdwörterbuchsonette” gelesen. Was in der
Kritik durchaus seriös beginnt, mündet schließlich in rülpsende Häme. Wenn man sich auch bei einigen (wenigen) Texten etwas mehr drive wünschen könnte, so ändert das nichts an dem außergewöhnlichen Talent dieser Autorin. Im deutschsprachigen Raum gibt es keine Lyriker der jungen Generation, deren Gedichte eine ähnliche Virtuosität aufweisen wie die von Ann Cotten. Vor allem mit dem letzten Satz Ihrer Rezension haben Sie, allerwertester Herr Wenrich, sich auf den Allerwertesten gesetzt. Da ich annehme, daß Sie Amateur-Rezensent mit mitteleuropäischer Halbbildung sind, vermeide ich es, Ihnen eine Umschulung zu empfehlen. Ansonsten würde ich Ihnen dringend raten, einmal über einen solchen Schritt
nachzudenken.
Nichtsdestoweniger
schöne Grüße
Axel Kutsch