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Artikel

Von Sex und Sozialismus
Vilgot Sjömans Skandalfilm-Diptychon »Ich bin neugierig – Gelb/Blau« markiert einen Meilenstein in der Zensurgeschichte des Kinos. Wie relevant ist das Werk des Schweden aus heutiger Perspektive? Eine Annäherung
Text: Jochen Werner Fotos: Legend Home Entertainment
»Kaufen Sie unseren Film! Kaufen Sie! Der einzige Film, der in zwei Fassungen rauskommt! In gelb und in blau! Eine gelbe Fassung, eine blaue Fassung! Wenn Sie unseren Film kaufen, haben Sie zwei Filme!« Mit diesen Slogans wird der Zuschauer von Vilgot Sjömans 1967 inszeniertem Film »Jag är nyfiken – en film i gult« (»Ich bin neugierig – Gelb«) empfangen. Ein Film, der – obgleich heute mehr oder minder vergessen – einen Meilenstein in der Kinogeschichte, oder doch zumindest in der Zensurgeschichte des Kinos, markiert. Weniger in der schwedischen Heimat des Filmemachers, wo er zwar ebenfalls kontrovers diskutiert wurde, aber schließlich in der unzensierten Fassung mit großem Erfolg in den Kinos gezeigt werden konnte; in der BRD hingegen gelangte »Ich bin neugierig – Gelb« lediglich in einer brutal verstümmelten Version zur Aufführung. Nicht nur wurde der Film von der FSK erst nach einigen, die für damalige Verhältnisse äußerst freizügigen Sexualdarstellungen betreffenden Schnitten freigegeben, auch das Gerüst des Filmes – dokumentarische Interviewsequenzen – wurden, nunmehr auf Betreiben des deutschen Verleihs, um ca. 15 Minuten gekürzt, um den Film für das deutsche Sexfilmpublikum konsumierbarer zu gestalten. Als ein die letzten Tabus und »Sexmauern« durchbrechender Film wurde Sjömans Werk dem deutschen Kinogänger verkauft – was einerseits in den damaligen Verhältnissen nicht ohne Evidenz war, andererseits aber »Ich bin neugierig – Gelb« kaum hinreichend beschrieb. In den USA traf der Skandalfilm gar auf noch härtere Widerstände: Der Obszönität und Pornographie beschuldigt, brach eine Welle von Prozessen über den amerikanischen Verleiher Barney Rosset herein, der sich selbst als Streiter für die Bürgerrechte und die Kunstfreiheit begriff und schon für die in seinem Verlag publizierten Werke von Henry Miller oder William S. Burroughs vor Gericht zog.

Schweden-Report
Dabei legte Sjöman mit »Ich bin neugierig – Gelb« einen Film vor, der sich so gar nicht in die in jenen Tagen etwa in der BRD immer heftiger aufbrandende Flut von Aufklärungs-, Report- und anderen Sexfilmen einfügen mochte. Vielmehr war es dem damals 42jährigen Filmemacher hier mit dem semidokumentarischen Reportagecharakter ernst, denn die von Hauptdarstellerin Lena Nyman geführten Interviews mit Passanten oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (etwa mit dem später ermordeten Minister Olof Palme) machen einen großen Teil der zweistündigen Laufzeit des Filmes aus. In diesen Passagen verrät der Film auch seine deutliche Verankerung im politischen Klima der 68er Bewegung: Von der Überwindung der Klassenschranken ist die Rede, von der Abschaffung der Monarchie und der Kirche, später, im Folgefilm »Jag är nyfiken – en film i blått« (»Ich bin neugierig – Blau«, ursprünglicher deutscher Verleihtitel war allen Ernstes »Sie will’s wissen«), auch von der sexuellen Befreiung. Überhaupt wirkt dieser Folgefilm weniger als eine Fortsetzung oder ein Remake seines Vorgängers. Vielmehr bilden beide eine Art schwedisches Nationalepos als Diptychon – oder, wie Vilgot Sjöman es ausdrückt, zwei unterschiedliche Bilder beim Blick durch ein Kaleidoskop, »die Teile darin sind dieselben, aber sie ergeben ein anderes Muster.« Dies führt direkt zur Form der Filme, die sich nicht in ihrer pragmatischen Funktion – zwischen agitatorischem Pamphlet und gezielter Provokation – erschöpfen, sondern das Geschehen immer wieder auf meta-fiktionaler Ebene brechen und ironisieren. Begonnen bereits in den ersten Sekunden, die den Regisseur, der sich selbst spielt, mit seiner Hauptdarstellerin bei einem Stelldichein in einem Fahrstuhl zeigen, wo sie von einer Dame mittleren Alters ertappt werden: »Ist ja wohl nicht zu glauben. Wenn eure Filme genauso werden…«

Von Bergman zu Godard
Diese inszenierten Risse in der Fiktion, die Aufbrechungen der Narration zugunsten von dokumentarischen oder diskursiven Formen, stellen aber selbstredend keine originäre Form des Künstlers Sjöman – der neben seinem filmischen Werk auch Romane und Theaterstücke verfasste – dar. Vielmehr knüpft er hier recht offen an den Stil Jean-Luc Godards an, der in jenen Tagen mit Filmen wie »La Chinoise« (1967) oder »Masculin féminin« (1966) seine vielleicht theoretischsten Werke vorlegte. Die Anknüpfung an diese Ästhetik der nouvelle vague ist wohl auch im Kontext des schwedischen Kinos jener Jahre, und vor allem als Distanzierungsgeste vom Werk des Übervaters Ingmar Bergman, der einige Jahre zuvor mit seinem freizügigen Kunstfilm »Tystnaden« (»Das Schweigen«, 1963) für einen ähnlichen Skandal gesorgt hatte und der auch für Sjöman eine Art Lehrmeister war, zu verstehen. Im Zuge der Politisierung um 1968 geriet die psychologisierende Innerlichkeit der Werke Bergmans zunehmend in die Kritik, und eine Gruppe junger Filmemacher forderte ein neues, bewusst in die politischen und sozialen Diskurse seiner Zeit intervenierendes Kino. Einen Vorschlag für ein solches Kino hat Sjöman mit seinen beiden »Ich bin neugierig«-Filmen vorgelegt – doch aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts hat er auch einen Preis dafür zu zahlen.
Gegenwärtigkeit vs. Zeitlosigkeit
Während die Veröffentlichung von »Ich bin neugierig – Gelb/Blau« in filmhistorischer Hinsicht absolut überfällig ist, so muss doch konstatiert werden, dass beide Filme ihren ästhetischen Reiz nahezu völlig eingebüßt haben. Das ist ihnen kaum vorzuwerfen, da die künstlerische Zeitlosigkeit wohl kaum zu den Primärzielen Sjömans zu zählen war. Und doch bleibt es deutlich. Eine Entdeckung lässt sich jedoch im Bonusmaterial der makellosen DVD-Edition, die Legend hier im Rahmen der Reihe KinoKontrovers vorlegt, machen: Neben einer ganzen Reihe sehr informativer Featurettes zur Publikations- und Zensurgeschichte von »Ich bin neugierig« ist dort der fast einstündige Dokumentarfilm »Self Portrait ’92« von und mit Vilgot Sjöman enthalten, der sich als erstaunlich intime und gleichzeitig (selbst-)ironische Künstlerautobiographie entpuppt. Überdies stellt diese Veröffentlichung auch eine begrüßenswerte Öffnung der Reihe KinoKontrovers dar, die ihren Fokus damit hinsichtlich einer Sammlung cineastisch bedeutsamer Werke deutlich ausweitet. Für film- und überhaupt kulturhistorisch Interessierte ist die Edition somit eigentlich unverzichtbar.
:: Vilgot Sjömans »Ich bin neugierig – Gelb« und »Ich bin neugierig – Blau« sind im Rahmen der Reihe KinoKontrovers bei Legend als DVD-Edition erhältlich
:: Legend Films
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